katasvacina's posterous

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Kateřina Černá  //  Ich bin eine große Träumerin, ewige Pläneschmiederin, Künstlerin, Freundin, Schwester, Sängerin, Meer- und Kaffee-, Liebhaberin, Schriftstellerin auf der Suche nach der Anwort auf die Frage, wie spät es jetzt wohl in Ulaanbaatar ist.

Jun 28 / 11:55am

Ägypterflaum geht dich nichts an!

 

Szene 1

Im Bus

Eine Frau, etwa Mitte sechzig, sitzt neben mir, uns gegenüber ein Junge mit dunkler Hautfarbe.

„Hast du einen Fahrschein?“, fragt sie, sich zu ihm beugend. „Bitte?“, sagt der Junge verwundert nuschelnd.

„Hast du eine Fahrkarte?“, fragt die Alte noch einmal. Zögernd kramt der Bub seine Jahres-Schülerfahrkarte aus der Geldbörse und zeigt sie ihr. Sie nickt, dreht sich auf ihrem Sitz um, jetzt schaut sie in den Gang, sieht ihn nicht an.

Ich bin vor den Kopf gestoßen, sage kein Wort.

Warum habe ich nichts gesagt? Warum habe ich nichts gesagt? Warum habe ich nichts gesagt?!

 

Szene 2

In der Straßenbahn

Drei Buben, etwa zwölf Jahre alt, zwei davon zum dritten: „Haha, du hast einen Türkenflaum! Türkenflaum, Türkenflaum!“ Die beiden sind Milchbubis, blond und klein. Der andere hat dunkle Haare, dunkle Augen, ein bisschen dunkler gefärbte Haut, größer als die anderen und seine Oberlippe ziert eine zarte Spur von Barthaaren. „Ich bin Ägypter,“, sagt er ruhig, „nicht Türke.“ „Haha, Ägypterflaum, Ägypterflaum, haha!“

Ich sage nichts. Ich ärgere mich. Die Milchbubis steigen aus, der ägyptische Junge bleibt vor mir noch ein paar weitere Stationen sitzen. Ich will etwas sagen, ich weiß nicht was – nicht ärgern, soll er sich, sich zur Wehr setzen – was weiß ich, irgendwas! Ich kritzle sogar ein paar Zeilen auf ein kleines Stück Papier, falte es zusammen und will es ihm geben. „Frag sie, wo ihr Österreicherflaum bleibt!“ Wozu?

Ich steige mit klopfendem Herzen aus und trage den kleinen Zettel noch lange mit mir herum.

 

Szene 3

In der Straßenbahn

Zwei Buben, lässig lehnend in der Straßenbahn: „Und die Tschetschenen, die erschießen wir und graben sie ein, dann trampeln wir auf ihren Gräbern herum...“. Ich höre ihnen eine Weile zu, dann stehe ich auf, gehe ganz nah an sie heran und raune kaum hörbar: „Ich glaube, ihr habt keine Ahnung, was in Tschetschenien tatsächlich passiert ist. Hört auf zu maulen und habt Respekt vor den Opfern.“

Beide sehen mich völlig verstört an und sagen kein Wort. Gott sei Dank bleibt die Straßenbahn stehen, ich steige aus – eine Haltestelle zu früh. Ich habe weiche Knie, ein klopfendes Herz, Tränen in den Augen. Ich schäme mich für meinen Pathos, meine Sensibilität.

Ich weiß nicht, ob es richtig war, etwas zu sagen. Ich weiß nicht, ob es richtig war, genau das zu sagen. Aber wenigstens ärgere ich mich nicht noch Jahre später darüber, nichts gesagt zu haben.

 

Ist es richtig, sich über dumme Sprüche von kleinen Buben aufzuregen? Ist es richtig, sich in Situationen im öffentlichen Raum einzumischen und ungerecht behandelte Menschen zu verteidigen? 

Es ist ein Zeichen von Schwäche, wenn dir jemand hilft. Oft wollen Diskriminierte nicht verteidigt werden, beschützt werden – sie brauchen kein Mitleid.

Jeder kann sich selber schützen, sagen manche, du brauchst dich nicht einzumischen.