Der Vormittag bringt Ideen sammeln beim Ennstal-Classic, einem Oldtimerrennen, das hier in Admont einen „Boxenstopp“ macht. Die FahrerInnen bekommen Granderwasser mit auf den Weg und ich mache mir Notizen. Wie immer interessieren mich die Menschen mehr, als das, was sie erschaffen: Die FahrerInnen mehr als ihre Autos. Einzige Ausnahme ist der Škoda Octavia (Baujahr 1958) mit einem tschechischen Fahrer und einer deutschen Fahrerin. Aber davon ein andermal.
Nachdem ich genug von Lärm, Gestank und Notizen habe, beschließe ich, an einem meiner letzten Tage in Admont, ins Stiftsmuseum zu gehen. Ja, ich geb’s zu, ich war noch nicht dort. Aber wie gesagt: Mich interessieren die Menschen selbst mehr, als ihre Errungenschaften und Rosenkränze und Kreuze, die im Museumsshop käuflich erworben werden können und mir Schauer über den Rücken jagen.
Die nette Dame an der Kassa sagt, sie könne mir keinen Studentenpreis geben: „Ich habe meine Karte nicht verlängert, aber ich bin inskribiert!“ –„Da kann ich leider nichts machen.“ Natürlich nicht. Einer der Gründe, warum ich das Schwimmbad lieber mag als das Museum – die Frau an der Badekassa kann immer etwas machen. Ich bin nicht bereit, knappe zehn Euro für etwas zu zahlen, das mich grantig macht, nicht interessiert und mir kalte Schauer über den Rücken jagt. „Danke, das muss ich mir noch überlegen“, sage ich, gehe raus in den Stiftsgarten und setze mich resigniert und trotzig auf eine Bank im Schatten. Gut. Wenigstens die Kirche von innen anschauen, denke ich und tapse vorsichtig hinein. Im Chor der Kirche hängt schwebend ein toter Jesus. Auch sonst wimmelt es in der Kirche von leidenden und toten Jesussen. Mir fällt dazu F. W. ein, der gesagt haben soll: „Also von mir aus können’s den Jesus schon abnehmen vom Kreuz, er hängt eh schon seit 2000 Jahren dort oben.“ Und tatsächlich: Warum will uns die Kirche andauernd an das Leiden und den Tod erinnern? Ich kenne die Antworten, habe sie zigmal in der Schule gehört. Aber meine Fragen verlangen eine echte Antwort, keine, die von Dogma und Machtinteressen geprägt ist. Ich weiß, die Kritik an der katholischen Kirche ist längst abgelutscht, ABER: In Admont wird man unweigerlich mit der Nase auf die Kirche gestoßen (im wahrsten Sinne des Wortes) und obwohl ich mich in den letzten knapp zwei Wochen geweigert habe, den Tatsachen ins Auge zu sehen, tue ich es jetzt. Und ich werde, lieber Admonter, liebe Admonterin leider nicht darüber schreiben, wie schön das Stift ist und welche guten Seiten es hat. Denn das wissen Sie selbst, das muss ich Ihnen nicht sagen.
Das Stift Admont besitzt Wiesen, Wälder, Skilifte, Felder, eine Holzindustrie, ein E-Werk und das sind nur die Dinge, von denen ich weiß. Das Gymnasium gehört dem Stift und sie sagen, es war noch niemand besonders traurig darüber, die Schule verlassen zu haben (egal, ob vorzeitig oder nach deren Abschluss).
Ist dieser Orden nun ein wirtschaftliches Unternehmen oder ein Ort, an dem Gespräche mit Gott geführt werden und man zur Ruhe kommt? Der geschulte Rhetoriker könnte die Vereinbarkeit dieser beiden Prinzipien gewiss fabelhaft mit Argumenten untermauern. Für mich sind diese beiden Sphären unvereinbar. Genauso, wie der Prophet Jesus und seine ewige Darstellung als Toter, sowie das Wort Gottes mit dem Zölibat (der seinen Ursprung in der Sorge hat, das Vermögen – und somit die Macht - der Kirche könnte an Frau und Kinder übergehen) oder der Bibel. So. Und meiner Ansicht nach, braucht sich die Kirche nicht über unzählige Austritte aus der kirchlichen Gemeinschaft oder über den „Sittenverfall“ und die sogenannte Spaßgesellschaft zu wundern, denn bekanntlich, das zeigt die Geschichte immer wieder in unterschiedlichen Bereichen, geht ein Extrem in ein anderes über. Keuschheit, Demut, Leiden gehen also über in eine übersexualisierte Gesellschaft (vgl. v.a. die Medien), Selbstüberhöhung – der Mensch als der eigentliche Schöpfer des Lebens und seiner Umwelt, Spaß, Spaß, Spaß – SEX, DRUGS & ROCK’N’ROLL!!! Das Stift Admont ist schlau, es folgt diesem Trend: „Jeder Besucher kann das Museum zu einer Disco werden lassen!“ So wirbt es für die Veranstaltung „Play Admont“. Es gibt auch einen Kinderworkshop mit dem Titel „Abenteuer Museum“.
„Wir haben ein großes Problem mit der Jugend“, hat erst gestern ein Admonter zu mir gesagt. Und tatsächlich besteht eine große Abwanderung der jungen Bevölkerung in die Städte - im Übrigen ein Phänomen, das sich in allen kleinen Gemeinden Österreichs zeigt und zum Großteil ein Effekt unseres wirtschaftlichen Systems ist. Man könnte also sagen, dass das Stift Admont mit seinen Angeboten zumindest dem Trend folgt und versucht, die Jugend anzuziehen. Aber es kocht sein eigenes Süppchen.
Was den „weltlichen Teil“ Admonts angeht, frage ich mich, was er tun könnte, um jungen Menschen Anreize zu bieten, hier zu bleiben, bzw. anderen Leuten, die nicht von hier sind, Anreize, hierher zu kommen. Die Natur ist wunderschön, daran besteht kein Zweifel, aber davon kann man (heutzutage) leider nicht leben.
Die derzeitigen Möglichkeiten für junge Menschen begrenzen sich auf Musikkapelle, Volkstanzgruppe, Musikschule, Fortgehen, auf den Berg gehen. Eine weitere Option ist das Jugendzentrum, allerdings besteht hier das Problem der Rivalität zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten, das Jugendzentrum wird von den Hauptschülern besucht. Weiters gibt es die Möglichkeit, einem Sportverein beizutreten.
Diese Dinge sind gut, aber es braucht mehr. Vor allem stellt sich die Frage nach Jobmöglichkeiten. Ich plädiere hier nicht dafür, aus Admont eine Stadt zu machen und alles Drum und Dran, das zu einer solchen gehört, hierher zu bringen. Was ich sagen will ist:
Wenn ich als jungeR AdmonterIn hier etwas verändern könnte – ganz egal was – was würde das sein? (Abgesehen von Einkaufszentren, Kinos, Cafehäusern und dergleichen, von denen hier nicht die Rede ist.)
Wie wäre es mit einer Theatergruppe, die von einer erfahrenen Person angeleitet würde? Einer Schreibwerkstatt, die regelmäßig stattfindet? Einem Ort, der tatsächlich eine Plattform für Ideen und ihre Verwirklichung bildet? Wie wäre es mit einem Festival für junge Kunst und Musik, das regelmäßig in Admont stattfindet und von den jungen Leuten mitgestaltet wird? Und einem Stift, das all diese Ideen mitgestaltet und –finanziert? Nur, um ein paar Optionen zu nennen. Und nicht zuletzt, um den letzten Schuss Weltverbesserungsgedankengut in dieses Gebräu zu mischen: Die jungen Menschen von heute sind die Zukunft von morgen. Will man also etwas an der derzeitigen weltpolitischen und –wirtschaftlichen Situation verändern, die großen Einfluss auf die Zukunft Admonts hat, muss man die Jugend zu mündigen, selbstbestimmten und handlungsfähigen Menschen erziehen. So. Vorhang auf für eine heiße Debatte.